Den Text habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben, ich hoffe, er tritt niemandem in allzu unfairer Weise auf den Fuß, es soll ja eigentlich konstruktive Kritik formuliert werden….
„Antiimperialisten“ und „Antideutsche“- zwei politische Strömungen in der radikalen Linken, die sich- mindestens in der Frage des Israel-Palästina-Konfliktes- völlig unversöhnlich gegenüber stehen.
Dabei haben beide Richtungen ein Problem:
Existierende Probleme erkennend kritisieren sie diese, oft ohne den Klassengegensatz zu berücksichtigen.
Und weisen dabei nationalistische Muster auf…
Es ist noch nicht lange her, da hatte ich das Vergnügen, in Ronda, Andalusien, auf zwei junge Israelis zu treffen.
Das Pärchen trank mit meiner Mitfahrerin und mir zusammen Kaffee, wir tauschten Tramp- und Reisetipps aus- Teilzeitvagabunden unter sich.
Natürlich konnte ich es nicht lassen, die beiden nach ihrer Meinung nach dem
Israel- Palästina -Konflikt zu fragen. Und so habe ich an diesem Tag einen Haufen Gedankenanstösse bekommen.
Sie bezogen nicht für eine Seite Stellung- sondern gegen die Herrschenden auf beiden Seiten.
Also eine klassenbezogene Sichtweise, die sich jenseits der nationalbegiffsbezogenen, eingefahrenen Diskussionen hierzulande bewegt.
Ihrer Ansicht nach haben Machteliten auf beiden Seiten ein großes Interesse daran, den Konflikt am Laufen zu halten. Denn es sichert diesen ihre Stellung-
das gilt für die Hardliner und Kriegstreiber auf beiden Seiten.
Obendrein, so sagte man mir, vertreten die USA auf der einen und die arabischen Staaten auf der anderen Seite nur ihre ureigensten Interessen und versuchen sich aus zu spielen, indem sie jeweils „ihre“ Seite mit Waffen voll pumpen.
Mit dem Islamismus palästinensischer „Widerstandsgruppen“ rechneten sie ebenso scharf ab wie mit dem politischen Mainstream in Israel.
So erstaunlich ist eine solche Haltung eigentlich nicht für zwei linke, kritisch denkende Menschen.
Ein nationalistischer Konflikt, das ist Aufstachelung der Menschen gegeneinander bei gleichzeitiger Verleugnung und Verdrängung des Klassenantagonismus.
Die Linke in Deutschland liefert dabei auf beiden seiten nur zu gerne Amtshilfe.
Diese Tatsache ist eigentlich viel erstaunlicher als die politisch umsichtige Haltung zweier junger Israelis. Aber dann irgendwie doch nicht.
Denn politisch blauäugig, ist die Haltung der „Antiimps“ und „Anti-Ds“ vielleicht immerhin psychologisch erklärbar.
Seltsam ist die einseitige Positionierung eben, da gerade die Leugnung des Klassenantagonismus durch die Beschwörung nationaler Einigkeit besonders hierzulande immer heftig durch linksradikale Kreise kritisiert werden- wenn es um das Deutschlandfahnenschwenken, um „Deutsche Opfer“ und „gesunden Patriotismus“ geht. Man weiß:
Nationalismus ist nicht nur ein Feind des sozialen Kampfes, sondern auch deshalb gefährlich, weil man ein „völkisches Kollektiv“ anderen „Völkern“ gegenüberstellt und damit erst die Voraussetzung für Krieg und Rassismus schafft.
Auf Deutschland bezogen ist man darauf in linksradikalen Kreisen so stark sensibilisiert,
weil dies durch seine besondere Geschichte gerade für dieses Land gilt.
Hier haben völkische und nationalistische Positionen in ihrer besonderen Ausprägung die schlimmsten Formen von Rassismus, Antisemitismus, Antikommunismus, Antiliberalismus und Homophobie hervorgebracht- mit der Konsequenz der Vernichtung der geächteten Menschengruppen.
Die Mahnung, die besondere Geschichte des deutschen Nationalismus zu berücksichtigen und das gerade hierzulande mit allen Mitteln gegen ein wiedererstarken eines völkischen Kollektivgefühls vorgegangen werden muss, ist auch ein Verdienst der Antideutschen.
Auch wenn ich nicht mal dahingehend alle Positionen dieser Bewegung teile.
Nichtsdestotrotz, den Antideutschen muss zugebilligt werden, viele richtige Fragen gestellt zu haben. Hinsichtlich der einseitigen Solidarisierung mit allen möglichen Palästinenserorganisationen,
hinsichtlich der Unzulänglichkeit eines Antiimperialismus, der in nationalistische Denkmuster verfällt, auch hinsichtlich einseitiger USA- Kritik und dem Warnen vor verkürzter Kapitalismuskritik.
Die Antwort fällt aber nicht überlegter aus, sondern wirkt häufig wie ein hysterischer Abwehrreflex.
So ist die antideutsche Bewegung eine merkwürdige Mischung aus bewusster, purer Provokation, Hedonismus, dem- aufs äußersten zu begrüßenden- Antinationalismus aber auch albernem Israelpatriotismus und Versatzstücken mitte-rechter und extremismustheoretischer Positionen.
Da wird sich dann auch mal positiv auf Henryk M. Broder bezogen, für den randalierende arabische Jugendliche in Frankreichs Banlieus und Radikalislamisten irgendwie eine Sosse sind,
womit er dem rassistischen Stereotyp vom „arabischen Radikalislamisten“ Vorschub leistet.
Diese Geschmacklosigkeit stammt aus Buch „Hurra wir kapitulieren“- dort macht er übrigens auch eine totalitäre Sehnsucht in der Linken Europas aus.
Auch die Schwärmerei in einem antideutschen Blog über einen Israelbesuch, über die
„coolste Armee“ die es gibt oder über das Wohlgefühl zwischen Israelfahnen ist irritierend.
Weder Armeen noch Nationalfahnen sollten von progressiv denkenden Menschen als „cool“ empfunden werden.
Ganz zu schweigen davon wie viel Menschenverachtung oder wie wenig Verstand jemand aufbringen muss um etwas zu rufen wie „Palästinenser, knie nieder, die Siedler kommen wieder.“
Auf der anderen Seite sieht es oft aber auch nicht besser aus. Solidarität mit radikal religiösen, nationalistischen und autoritären Gruppierungen wie der Hamas ist völlig unangemessen.
Ebenso die blauäugige Kubasolidarität, denn so hoch man den Verdienst dieses kleinen Inselstaates bei der Zurückdrängung US-amerikanischer Hegemonialansprüche schätzen muss-
es bleibt ein autoritär- leninistischer Staat mit ausgeprägtem Militarismus und Nationalismus.
Und, natürlich, ist die ins nationalistische Abdriftende „antiimperialistische“ Richtung teilweise offen für rassistische und antisemitische Positionen.
Bei aller Besonderheit des deutschen Nationalismus und seiner in der Geschichte extremsten, gewalttätigsten Ausprägung: Wer konstatiert, das Nationalismus immer und überall mit Militarismus, aber auch mit Rassismus und Autoritarismus einhergeht und daher nie unterstützenswert, schon gar nicht „cool“ sein kann ist gewiß kein Geschichtsrevisionist.
Es muss ein Ende mit solchen Positionen gemacht werden, um den Begriff des Klassenantagonismus, vor allem aber die kapitalistische Gesellschaft als eine Gesellschaft von Fetischverhältnissen, die Widersprüchlichkeit des kapitalistischen Systems in den Vordergrund zu stellen. Einseitige Positionierungen zugunsten nationalistischer Bewegungen sind für Menschen mit dem Anspruch, progressiv und konsequent- kritisch zu denken, einfach unangebracht.
Woher kommt aber nun dieses mit tiefem, heiligen Ernst betriebene Israel- oder auch Palästina- oder Kubafahnengeschwenke?
Wohl aus der Sehnsucht, eine Art geheiligtes Mekka zu haben.
Linksradikale Politik, die konsequent konträr zu den herrschenden Verhältnissen steht, steht eben sehr allein da. Ein positiver Bezugspunkt, ein Land, wo alles irgendwie besser ist oder das es als unterdrückt zu unterstützen gilt, gibt eine vermeintliche Orientierung für uns, die wir über die herrschenden Verhältnisse eigentlich hinauswollen.
Das ist aber nicht politisch sinnvoll, sondern hoch schädlich.